Alix Perez – Enchiridion EP (ONEF012)

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Es gibt, natürlich neben Macky Gee, nicht viele Artists die das Drum and Bass – Genre so polarisieren wie Herr Perez – und weil Alix nun einfach Alix ist wird das sicher auch noch ’n Weilchen so bleiben. Ist aber auch gut so!

Jedes Mal wenn Alix Perez neue Musik rausbringt muss ich mir die Frage der Erwartungshaltung stellen. Eben weil Herr Perez für verschrobene Basslines bekannt ist (siehe „Dark Star“ oder auch „Haunted“) und weitestgehend eher die kleineren Dinge schätzt als beispielsweise dicke Reese-Bässe oder knochenbrechende Pitchsnares finden nicht viele einen entspannten Einstieg in seine Werke. Oft habe ich das Gefühl man komme erst in den Genuss von minimaler Musik wenn man sich nach einiger Zeit an Neurofunk sattgehört hat. Was also ist von „Enchiridion“ zu erwarten? Die Antwort ist exakt so, wie Thijs von Noisia es in einer Episode des Noisia Radios angekündigt hat – es ist groß, aber auch klein.

Ein „Enchiridion“ ist nichts anderes als der lateinische Terminus für ein Handbuch. Umso mehr ich drüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst wieso dieser Titel so gut in den Kontext dieser EP passt die uns hier geliefert wird. Geliefert wird uns ein Handbuch darüber wie minimal Drum and Bass gemacht wird.

Vielleicht kann nur der Künstler selbst uns erklären wer oder was ein „BXL“ ist, doch der erste Tune der EP ist zu 100% ein klassischer Perez. Klassisch, aber dennoch so frisch dass Edeka seine Gemüsetheke einpacken kann. Das Intro erinnert an einige Stücke der „Ghosts LP“ von nine inch nails. Störgeräusche werden so eingesetzt dass irgendwie ’ne Harmonie entsteht; mit jeder Sekunde wird Perez‘ Handschrift deutlich. Wenn dann die Vocals den Drop einleiten weiss auch der Nachbar endgültig dass die belgische Koryphäe in der Wohngegend angekommen ist. Das Sounddesign ist wundervoll; herrlich verstörend bringt mich dieser Track in ein wohliges Unwohlsein. Wer Perez mag wird wissen was ich meine. Die kleinen Variationen sind eben das, wovon minimal Drum and Bass lebt. Die Musik wirkt absolut dreidimensional und spielt mit der Wahrnehmung von „Räumen“ – Elemente kommen und gehen, mal abrupt und mal im Hall verschwindend. Zuallerletzt geben die Vocals, die mehr phonetisch eingesetzt werden als Inhalt vermittelnd, diesem Tune den letzten Schliff. Für Fans ist „BXL“ das Perez-Mekka. Für Neulinge die sich in seinen Sound einhören wollen empfehle ich vorerst die anderen Tracks anzuhören.

Als ich „Caligo“ zum allersten Mal hörte muss ich gestehen Nach elf Sekunden im Tune ernsthaft zu überlegen ob mein Rechner den Geist aufgibt; es bauen sich perkussive Geräuschkulissen auf, ein hörbarer „Raum“ wird erkennbar und dann – ich kann es mir bildlich vorstellen – entscheidet Alix: „Warte, das machen wir nochmal“. Geschwind kommt Montys fluide Signatur mit den Drums ins Spiel. Kaum ein anderer beherrscht die nahezu chirurgische Präzision seine Drums so zu gestalten wie er. Gekoppelt mit dem Genie von Alix Arrangements und der Idee Melodien ’n Ticken anders zu machen als soviele andere wird aus diesem Track ein wahres Kunstwerk.

Als Monty den Drop mit seinem charakteristischen Hall-Aufbau initiiert bauscht sich der Bass komplementär dazu auf, wird dreckiger als so manches was ich in meinem damaligen Beruf als Krankenpfleger gesehen habe und knallt dann zurück in ein herrlich wabbelndes minimales Schauspiel. Es wirkt als würden Monty und Alix mit dem Hörer spielen; es fällt nicht schwer beide Stile dieser sich doch recht stark voneinander unterscheidenden Künstlern herauszuhören. Gefangene werden keine gemacht – nach nur 16 Bars im Break gehts‘ wieder weiter.
Der Tune rollt schneller als so mancher Chopper und Montys Arbeit an den Drums stellt sicher dass „Caligo“ noch für sehr lange Zeit ein absoluter Clubfänger sein wird. F§$% Yeah!

Wer Current Values letzte EP auf Souped Up gehört und für gut befunden hat wird „Live with it“ ebenfalls gut finden. Das Resultat einer Collaboration zwischen Icicle und Perez konnte ich mir bis dato nicht ausmalen; nun kann ich es. Und ich mag es.

Nach einem relativ simplen Intro (was grundsätzlich nicht verkehrt ist) stolpert der Tune in den Drop während eine Stimme mir suggeriert mit irgendetwas zu leben. Gut, dann leb‘ ich halt damit. Aber womit? Wahrscheinlich mit diesem unfassbarem „filth“ den dieser Bass an den Tag legt. Während ich in Gedanken Jesus darum bitte dass meine Lautsprecher nicht in sämtliche Einzelteile zerfallen wächst und schrumpft dieser Bass abwechselnd und zerfällt selber in die Einzelteile mehrerer „stabs“ die sich tatsächlich so anfühlen als würde mir jemand Stiche mit einer verdammt scharfen Klinge zusetzen. Schmerzt, ist aber geil. „Live with it“ ist weniger verstörend als „BXL“ oder einige andere von Perez‘ Werken, lässt mich unkontrolliert mit dem Kopf nicken und mir die Frage an mich selbst stellen wieso ich nicht schon längst im Norden Londons lebe. Diesen Track in irgendein Subgenre zu packen wird schwierig; auf jeden Fall gehört dieses Stück in jede gut sortierte Setlist gepackt. Jeez…

Freunde von Liquid Funk kommen beim letzten Tune vollkommen auf ihre Kosten. „Slink“ ist ebenso wie „BXL“ ein absolut100%iger Perez – nur überhaupt nicht verstörend. Klingt komisch, huh? Eigentlich nicht. Wer Alix bei Spotify eingibt wird einige Tunes finden die phänomenal liquide durch die Gegend swaggen wie ein junger dbridge. Hier zeigt Herr Perez wieder einmal dass es auch vollkommen cool ist seine Bassline etwas höher anzusetzen und dann runterspielen zu lassen. „Slink“ treibt mehr als jede Mate – hervorragende Arbeit an den Percussions, absolut stimmige Variationen, zuckersüße Bassline – was will man mehr? Übrigens ist dieser Tune -der- Tune den ich an jeden empfehlen würde der sich in Alix‘ Werke einhören will ohne gleich verschreckt zu werden. Absolut solide.

„Enchiridion“ – starke EP. Beim Reinhören nur kurz überlegen was man erwartet – dann wird auch ’n Schuh draus.

Gastreview: OaT

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rene

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