Quellsy – “Dub Claster EP Part 1”
Das Moskauer Label Kos.Mos.Music, gegründet von Electrosoul System, begeht im nächten Jahr sein 20-jähriges! Und auch wenn das Imprint nah an der 200er Releases-Marke kratzt – ich kann mich nicht erinnern, dass sie bis dato mal einen überkrassen Hit gelandet hätten. Wozu auch? Winkt dann eh nur der Sellout und man wird ständig daran gemessen. Stattdessen geben sie bei Kos.Mos teils völlig unbekannten Producern eine Plattform (siehe u.a. auch die Compilation-Reihen “Supernova”, “Deep Structures” sowie “Kosmological Conspiracy”) und explorieren in allen möglichen Soundterrains, die sich irgendwie mit Bass Music assoziieren lassen. Auf DnB gesprochen würde ich die jetzt mal vorrangig Newskool und Leftfield nennen, aber auch klassische Liquid-Nummern und techigere Sachen werden released. Und spätestens jetzt möchte ich den Namen Quellsy, bürgerlich Ilya Vladimirovich Chunakov, ins Spiel bringen, der sich für hiesige EP verantwortlich zeigt. Aufgefallen ist er mir schon bei früheren Veröffentlichungen, aus ziemlich genau zwei Gründen. Erstens der eklatant schwergewichtige dubbige Vibe und zweitens, die Länge der Tracks, die gut und gerne mal zehn Minuten übersteigt. Wer wie ich eine Basic Channel bzw. Chain Reaction-Vergangenheit hat, der bekommt hier die feinste DnB-Interpretation bzw. Adaption dieses zeitlosen Sounds. Ich finde, Quellsy macht das hervorragend! Und irgendwie nutzt er gefühlt auch den Umstand, dass man heutzutage technoides Sounddesign wunderbar auf DnB-Tempo bringen kann, ohne dass es krampfig oder fremdartig wirkt. Er findet jedenfalls auf allen enthaltenen Tracks das passende Drumming zum dubbigen Klangteppich. Und was die Länge der Tracks angeht: es war schon bei Basic Channel so, dass man durch den hypnotisierenden Dub die Nadel genauso wenig von der Platte nehmen konnte, wie der Ameisenbär den Rüssel aus dem Termitenhügel. Und so möchte ich hier ganz deutlich zwei Parteien positiv hervorheben: den Producer, der einen solchen Sound macht, den sonst keiner macht. Und das Label, welches die Musik wie sonst kein anderes veröffentlicht. Zum Glück impliziert der Titel der EP (mit dem kleinen Gimmick, Cluster falsch zu schreiben), dass es eine Fortsetzung gibt. Quellsy, du Quell des scheinbar unerschöpflichen Dubs. Fahre fort, du bist auf einem einzigartigen Trip! (Mtrc)
Release: 29.10.2025
Label: Kos.Mos.Music
Katalognummer: KOSMOS193DGTL
Wertung: 10/10
Macky Gee- “Phases LP”
Muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil ich ein Review zum neuen Album eines Artists schreibe, der wie vielleicht kaum ein anderer in der DnB-Szene so polarisiert? Warum das nicht der Fall ist, erschließt sich vielleicht in den folgenden Zeilen. Mein erster Kontakt zu Macky Gee liegt mehr als 15 Jahre zurück, als er einer von unzähligen neuen Jump Up-Producern war, die aus dem Boden quollen – und Non-Jump Up-Liebhaber quälten. Ich schreibe das bewusst, denn es gibt zwei Arten von Producern: jene, die bei jedem Track „from scratch“ starten und zunächst alles komplett auf 0 setzen und jene, die mehr Recycling betreiben als der Grüne Punkt und sich ständig bereits verwendeter Sounds bedienen und so mutmaßlich den Workflow erhöhen. Zur Wahrheit gehört, dass Macky zu letzteren gehört. Irgendwann hat sich die typische Macky-Snare in seinen Tracks so durchgesetzt, dass es zu (s)einem unverwechselbaren Trademark wurde. Auf der einen Seite steht nun der Wiedererkennungseffekt. Auf der anderen der Umstand, dass es die, die darauf standen, regelrecht erwarteten und so glaube ich, dass sich Jack damit in eine echte Zwickmühle manövrierte. Um sich da herauszuwinden, beschritt er den Weg, den viele ursprüngliche Jump Upper einschlugen und machte in Uplifting bzw. mehr Mainstream-orientiertem Stuff mit Vocals etc., Festival-konform eben. Das vergrätzte nun wiederum die „echten“ Fans und ist gleich der Aufhänger des Albums „I Miss The Old Macky“ (als Single bereits vor über einem Jahr erschienen). Und diese Thematik durchzieht nun tatsächlich die ganze LP, will sagen, er scheint sich dessen total bewusst und beseelt mit dem Album in gerütteltem Maße seine (alten) Fans. Es gibt so viele Tracks, die den guten alten Macky aufleben lassen und dem Hörer seine Mainstream-Ausflüge total schnell vergessen lässt. Meine Favoriten sind das stampfige „Fuck Around“ mit einer Schrauber-Bassline, die an DJ Norm erinnert, den heute wahrscheinlich keiner mehr kennt; „The Underground“ – das ist nun wirklich übler Tetris-Jump Up, aber ich steh’ dazu sowie „Need Me So“ feat. Don Darkoe – auch hier wieder Stampfbeat, aber Don Darkoe gilt es, zu supporten – talentierter Typ! Abgesehen von den Jump Up-Sachen mit „old Macky-touch“, haben sich unter die 20 Tracks natürlich trotzdem ein paar Titel gemischt, die davon abweichen, z.B. „Meet Me In Paradise“ (feat. Drumsik & Francis Waves); „Stay Another Night“ (feat. Killer Hertz & Veronica Bravo) und „Power” (feat. Leo Wood), doch im direkten Vergleich können die imo nicht gegen die Jump Up-Bits anstinken. Und so passt nun wiederum auch der Albumtitel „Phases“, denn jeder Producer durchläuft ja so seine Phasen. Ich würde sagen, Macky Gees stärkste Disziplin, bleibt der Jump Up, und er höchstselbst in Topform, macht hierauf wahrlich nicht wenige Songs zu echten Killertracks, die eine Waffe in entsprechenden Sets sein können – wenn man es mit Jump Up hält. So ehrlich muss man an der Stelle sein. (Mtrc)
Release: 26.09.2025
Label: Macky Gee Music
Katalognummer: MG015
Wertung: 9/10
Ly Da Buddah, Keela – ”Bloodshed”
Oliver ”Ly Da Buddah” Lüdecke auf der Seite vorstellen, dessen monatliche DJ Charts eben auch seine liebsten neuen Funde beinhält und dessen Review-Rubrik ihn auch schon das ein oder andere Mal in’s Scheinwerferlicht geschoben hat, ist sinnloser als George FM’s Morning Show wenn die weibliche Hälfte krank zuhause bleibt. Technisch gesehen wäre das Sin-los, aber wie dem auch sei! Für die, die jetzt trotzdem noch die Stirn runzeln, eine Kurzfassung: Oliver ist Braunschweig’s offizieller Dorfschamane, Brain Klub Maestro, Erfinder der Drum’n’Bass Bundesliga, Headliner Magazin Mitbegründer, Monkeejuice Labelbesitzer, Stimmungskanone und wahrscheinlich einer von Deutschland’s emsigsten D&Bienchen, sowohl auf als auch hinter der Bühne – und im Studio! Zusammen mit Sängerin Keela, hat er nun ein weiteren feurigen Trunk gebraut: „Bloodshed“! Wie der Titel vielleicht schon anmuten lässt, wird die kreative Energie aber nicht (nur) aus dem Wunsch nach einem neuen Brainklub-Banger geschöpft, sondern aus herben, für Oliver zutiefst persönlichen Wunden, hervorgerufen von den Konflikten unserer Zeit. Dieser emotionalen Antrieb wurde hier kurzerhand umgewandelt in elektrisierende, sich in’s Brain reinbohrende Gitarrenmelodien, kompromisslose Drums, und eine mehrschichtige, zugleich kampflustige als auch emotional kathartische Vocalperformance, wo sogar Oliver selbst mitwirkt – schönes Ding! (Lennart Hoffmann)
Release: 24.10.25
Label: Monkeejuice
Katalognummer: /
Wertung: 8.5/10
Nutrop – ”Drone Harvest EP”
Mal ein ganz neuer, aber nicht minder beachtenswerter Name: Nutrop! In’s Leben gerufen von Hauptstädtler Paul Rucker, als Antwort auf die ewige Leere und die schier unendliche Menge an Zeit, die die frühen 2020er uns so großzügig geschenkt haben, hat das Projekt inzwischen so einige Selfreleases und sogar auch eine Teilnahme am Remix Contest von Black Sun Empire in seiner Diskographie zu verbuchen, aber Paul hatte größere Ambitionen. Über die letzten zwei bis drei Jahre arbeitete er unermüdlich an neuen Snare Patterns, an Wegen, seine bereits fortgeschrittenen Progressions noch aufregender zu gestalten, und an fetteren und fetteren Neuro-Bässen, alles mit einem Ziel: die Debüt EP. Letzten Monat war es dann soweit, und das ”Drone Harvest” Viererpack wurde auf die Mengen losgelassen – und da sind echt ein paar Banger dabei! Eröffnet wird das Ganze mit Halftime-Schrammler ”Exorcism”, dessen ominös vibrierende Bässe über die Zeit nicht nur rhythmischer in ihrer Ausführung werden, sondern auch zum gelobten Land der Drums und der Bässe führen, und uns somit perfekt auf den Rest der EP vorbereiten. ”Echoes From The Rift” schmeißt uns in eine Neuro-Verfunkungsjagd par excellence, mit allerhand maschinellem Geballer, in-die-Fresse 4×4 Kicks, und mysteriös-melodischen Einlagen; der namensgebende ”Drone Harvest” nimmt uns auf eine durchgängig sicke Reise durch zutiefst eingängige Neurofunk Melodeien, alles umher wirbelnde Schlaginstrumenteinlagen, und Bassface-verursachende 4×4 Switches; und ”Hive Eruption”’s ungeheuerliche, auf uns hinunterprasselnde Wellen aus Bass durchlaufen ebenfalls mehr Veränderungen in 5 Minuten, als manche in einer ganzen EP zu verzeichnen haben. Sick! (Lennart Hoffmann)
Release: 15.10.25
Label: Selfreleased
Katalognummer: /
Wertung: 8/10
Ekhoji – ”Smash It”
Next up, Ekhoji! Wie bitte, wer? Keine Sorge, diesmal gibt’s keine große Geschichtsstunde, denn es handelt sich hierbei lediglich um das neueste Alias von Hamburger Jung Phillip Burian, euch wahrscheinlich am ehesten als Feed The Fire bekannt! Falls ihr dennoch auf’m Schlauch stehen solltet, empfehle ich euch den Wortschwall den ich hier im Juli über den Watercolour Fan zum Besten gegeben haben. Aber warum ein neues Projekt? Nun, statt dem üblichen Dancefloor Gehüpfe solls hier dreckiges, Jungle- und Jump Up-inspiriertes Geschaller geben, und mit so einem neuen Namen kann man sich einfach viel mehr kreativ austoben – reicht mir als Erklärung! Um euch dieses Experiment näher zu bringen, schauen wir uns doch einfach mal den Erstling an. ‚Smash It‘ betitelt, geht’s mit eröffnendem Rumms gleich in den Vocalsample Schleudergang, zu dem sich noch ein umherwandelnder Basston und eine astreine Polizeisirene hinzugesellen, bevor’s dann richtig losgeht: zum 2-Steppen anregende Knaller Drums, durchverzerrte Bassmelodeien, und allerhand krächzende Fieper zwischendurch. Zwischendurch gibt’s sogar ’nen richtiges Amen Workout! Smashed it. (Lennart Hoffmann)
Release: 26.09.25
Label: Selfreleased
Katalognummer: /
Wertung: 9/10
Stixonspeed – ”The Future Is Mine”
Oft haben wir hier ja eher Leute im Fokus, die vor allem durch ihre Produktionstalente hervorstechen (vielleicht sollten wir hier mal DJ Sets reviewen), aber mit Jan ”Stixonspeed” Pfennig gibt’s heute mal einen wahren Showman – und produzieren kann er ja auch! Aber von vorne. Alles begann kurz vor Y2K, als Jan sich entschloss, für sein Studium an der Hanns Eisler Hochschule den Jakobsweg nach Berlin auf sich zu nehmen. Über die Jahrzehnte hat er sich vom Trommler für die Band Ohne Namen zu Perkussionsjobs für Hip-Hop Ikonen wie Marteria, Sido, und Kontra K hocharbeitet, während er in Bands wie Rotfront und The Jam weiter an seiner Technik feilt. Zum herkömmlichen Drummen gesellten sich dann nämlich über die Jahre seine patentierte Spiderpedaltechniqué, durch die er wie ein Achtarmiger zu spielen vermag, und das Swagdrumming, wodurch er allerhand Polyrhythmiken zum Besten geben kann – und für welche Genres braucht man so wildes Trommelgewirbel? Ganz recht! 2017 hat Jan sein Drum & Bass Projekt Stixonspeed in’s Leben gerufen, und sich seitdem emsigst zum einzigartigsten, zutiefst zurecht mehrfach ausgezeichneten Live Acts in der deutschen DnB Szene hochgearbeitet. Aber auch außerhalb seiner wilden DJ-Drummer-Hybrid Showeinlagen gibt’s von Jan immer mal wieder was zu hören, von „At The End Of The Tunnel“ in 2018 bis hin zu „All U Do“ und „Secrets“ mit Moonaddict und Marie Chain in 2023 auf Storno Beatz – und damit haben wir seine Drum&Bassographie auch schon abgehandelt! Mit „The Future Is Mine“ gibt’s nun endlich wieder Neues vom Wahlhauptstädtler zu hören, und der hat’s in sich: Energiegeladene Vocals, die von der aufbrausenden Instrumentalisierung noch weiter hinauf getrieben werden, klatschende Drums mit allerlei Fill-einlagen, sich in’s Hirn bohrende melodische Whomps, wilde Pewpew Switches – kurzum, ein Bänger erster Güte. (Lennart Hoffmann)
Release: 26.09.25
Label: Selfreleased
Katalognummer: /
Wertung: 8/10
![Reviews [November 2025]](https://www.baesse.de/wp-content/uploads/2021/01/reviews-11-nov_green-768x439.jpg)
