Mandidextrous & Matt Scratch – “Nobody Plays The Second Drop Anyway LP”
Es mag wie ein Nachtrag anmuten, denn dieses Album erschien, als das alte Jahr quasi schon auf der letzten Rille lief und jetzt, wo ich mir so das Cover angucke, passt auch die Platte ins Bild, welche Matt Scratch im Begriff ist, in die vor sich stehende Mülltonne zu werfen. Links von ihm ein grimmig dreinschauendes Bärenmaskottchen und noch weiter links Mandi, sich die Haare raufend. Ohne bis jetzt auch nur einen Ton gehört zu haben, würde dieser erste Eindruck vermutlich schon reichen, um zu polarisieren. Ich weiß, dass es da draußen genügend Heads gibt, die eine tiefe Aversion dagegen haben, wenn ihre Lieblingsmusik auf die Schippe genommen wird. Doch was, wenn es die Protagonisten selbst tun? Noch dazu auf eine höchst charmante und drollige Weise. Ich persönlich hab das immer gemocht, wenn es zwischendurch mal nicht so bierernst zuging. Mandi und ihren hybriden Sound, der mitunter schwere Schlagseite Richtung Techno und Hardcore nimmt, verfolge ich schon eine Weile. Ich glaube auch, dass sie durch den Umstand, transgender und non-binär zu sein und dies auch glaubhaft vertritt, viel für die Community getan hat. Nebenbei empfinde ich ihre Erscheinung als echte Antithese zu den TikTok-VielNackteHautZeigenden-Arschwackel-DJs und das macht sie mir ebenfalls supersympathisch. Matt Scratch hingegen war mir als Künstler nicht bekannt, was daran liegen könnte, dass er bis dato eher im Jungletek-Bereich unterwegs war sowie sich u.a. dem Amen4Tekno Collective anschloss. Die hier vorliegende LP ist entsprechend sehr techy geworden, doch sind es vor allem zwei Dinge, die mir bei genauerem Hören aufgefallen sind. Das Mixdown ist erste Sahne – checkt das mal abseits von den heimischen Abhören auf einer großen Anlage. Hier war jemand mit richtig Ahnung am Werk! Das zweite ist, dass praktisch jeder Track einen dieser omnipräsenten 4/4-Tech-Parts drin hat – und den ausgerechnet bei den allermeisten im zweiten Drop. Und damit ist die Brücke zum Titel des Albums da: keiner spielt den zweiten Drop, also bringen wir dort kurzerhand nen ganz anderen Vibe rein. Und allerspätestens jetzt polarisiert das Album nun richtig. U.a. las ich z.B. den Begriff „TikTokTechno“ im Zusammenhang mit der LP auf Social Media. Für mich hingegen fühlt sich dieses Produkt, mit all den Umständen und Begleiterscheinungen, die ich hier ja nur sehr verknappt dargestellt habe, als wunderbare Persiflage an. Mit einem breiten Grinsen empfehle ich das Album jedem, der den Spaß an DnB und Techno verloren geglaubt haben sollte. Den könnt ihr beim Auflegen von jedem der enthaltenen Tracks zurückgewinnen, Wort drauf! (Mtrc)
Release: 21.11.2025
Label: Neuroheadz
Katalognummer: NH047
Wertung: 9/10
Various Artists – “Critical Music – New Energy Vol.3”
Die “New Energy”-Serie auf Critical geht in die dritte Runde. Man muss ja nicht viele Worte verlieren, denn es sollte jedem klar sein: wo Critical drauf steht, braucht man die Qualität nicht infrage stellen, man darf höchstens gespannt sein, wie sie verteilt ist. Für mich machen bei dieser Ausgabe vor allem Fade Black, Phase und Gino das Rennen. Bei letzterem verzückte es mich schon vor längerem (bei der Collab mit Waeys), dass er als eher „klassischer“ JumpUp-Producer auch auf einem deepen Label releasen kann. Entweder ein Zeichen dafür, dass er variabler produziert oder die Labels offener werden. Beides ist doch wünschenswert! Fade Black ist das Projekt von Shyun und Cruk. Sie releasen nicht viel, aber wenn, dann ist das immer Killer. Die aggressive Nummer hier nennt sich „Iced Out“ und erinnert mit dieser hölzernen Bassline in leichter Schräglage zu meiner höchsten Verzückung an Annix. Phase als Drittgenannter ist mit „Hear Diss“ vertreten, einer trippigen Nummer mit Sägezahnbassline-Einschüben. Als Künstlername sicher nicht ganz so glücklich gewählt und gerade deshalb solltet ihr gezielter suchen. U.a. empfehle ich sehr sein Release „Blinded“ auf Overview. Den Rest der Compilation teilen sich die beinahe schon üblichen Verdächtigen unter sich auf und mir ist mal wieder aufgefallen, dass die Protagonisten bei Critical mit tendenziell wenig Melodien auskommen, sondern eher den kalten back-to-basics-Sound zelebrieren. Gefühlt ist da nie ein Sound zu viel. Als ausbaufähig wiederum empfinde ich das Layout für diese Serie. Das wirkt auf mich wie vom vorvorvorletzten Windows-Betriebssystem. Critical Music, this is my only point of criticism! (Mtrc)
Release: 25.12.2025
Label: Critical Music
Katalognummer: CRITLP022
Wertung: 8/10
Maurizzle, Justin Hoffmann – ”Pistolero”
Neues Jahr, neue Namen! Wie immer sind die beiden oben aufgeführten aber natürlich nicht so brandneu, dass es nichts zu erzählen gäbe. Celle-Rostocker Maurice „Maurizzle“ Nickel, zum Einen, hat bereits mehr als zehn Jahre Produktionserfahrung und fast genauso viele Sonnenumrundungen Releasehistorie hinter sich. Ob purer Jump Up auf Nuclear Bass oder Jump Up Cave, sowohl zusammen mit Master Error und Amplify als auch solo, oder Deepes auf Incurzion, oder Dancefloor-Hybridiges auf High Tea, Roadblock, oder Make Your Era – der Maurizzler weiß wie man Banger bastelt. Sein Featurekumpane hier, Hannoveraner Justin Hoffmann, könnte nicht nur ein entfernter Verwandter meinerseits sein, sondern liefert auch seit 2019 allerlei Kombinationen aus Future, Bass, Deep und House, bevor 2021 dann auch DnB mit reingemischt wurde, allen voran mit Bootlegs von Jennifer Lopez, Nelly Furtado und Primate & AC13. Grandiose Kombination aus Namen! Diese geballten weitgestreuten Einflüsse und Erfahrungen kommen nun auf „Pistolero“ zusammen, wo uns ein fonky-fröhliches Jump Up Gesteppe mit Gitarrenzupfen vom Allerfeinsten präsentiert wird, was selbst den grimmigsten Cowboy das Tanzbein schwingen lässt. (Lennart Hoffmann)
Release: 04.12.25
Label: Make Your Era
Katalognummer: MYE098
Wertung: 8.5/10
TENEM, Cainah – ”Hold Me Close EP”
Noch nicht genug neue Namen? Na gut, dann hier noch zwei! Der erste ist natürlich wieder viel länger dabei als das aktuelle Alias vermuten lässt, Christoph Schnelle war früher nämlich als chrizz0r unterwegs! Seit 2012, bis circa 2019, gab’s auf Soul Flex, Midnight Sun und DNBB allerhand liquides Gold, zum Beginn der 2020er wurde der Name allerdings durch Cir:cle ausgetauscht. Der zugegebenermaßen recht erfolgreiche House mit Sebastian Davidson auf Emancipator’s Loci Records, mit kurzen Edlan- und Rift-Feature DnB-Ausflügen in 2022, wich dann 2024 aber widerum dem Namen, den wir uns heute hier angucken, TENEM! In der anderen Ecke haben wir hingegen einen wahrlich frischen Namen: Cainah! Lübeckereifachverkäuferin (oder was man in Lübeck halt so arbeitet!) Sarah Giese, früher auch bekannt als cainahweird, findet man seit 2022 in allerlei DJ Livestream Communities mit Partner SoylentGreen und auch in Real Life beim United By Breakbeat Day in Leicester, aber seit 2024 gibt’s auch selbstgebackenes von ihr zu verkosten. Mit den Ohren. Wie auch immer! Zusammen haben sie nun die „Hold Me Close“ Quadrologie im heimischen T3K-Theater über die Bühne gebracht, die ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Ob die gewichtig-atmosphärisches Bassexploration auf „Greatness“, den rollenden Exkurs durch tieferliegende, soulige Gegenden auf „Hold Me Close“, das Bumm-Klatsch Steppdichein mit beunruhigendem Vocal auf „Reality Shift“, oder die abschließende Rollschuh-Reise durch die wunderschön ohren-massierenden Klänge von „Squad“, hier gibt’s für Deep-haber einiges zu holen. (Lennart Hoffmann)
Release: 04.12.25
Label: T3K Recordings
Katalognummer: PROT3KT036
Wertung: 8.5/10
Various Artists – ”Bass Tapes Berlin, Vol. 1”
Du bist so wunderbar, Berlin. Vor allem wenn’s um unsere geliebte Hochtempobassmusik geht! Um das unter DnBeweis zu stellen, möchte ich das Scheinwerferlicht heute mal auf die halb-München halb-Hauptstadt ansässige FRAKTVRED Crew und deren neueste Ansammlung verschiedenster Künstler werfen. Seit ihrer Gründung in 2021 hat sich die Gäng, ganz nach ihrem „Expand Your Horizon“ Motto, von Freundesgruppe zu Promoter zu All-rounder Team zu Label erweitert, und damit sowohl in der südlichen Ursprungsbasis als auch im heutigen nordöstlichen Hauptquartier Wunderbares vollbracht. Für die nun erste Edition der Dicken B-ass Chroniken™️ haben sie ein wahres Sammelsurium an Untergrundtalenten zusammengestellt: Genreruinierer Johannes „Ethera“ Weich macht seinem Namen aller Unehre und liefert zusammen mit Phenomenomenon Alex „ENOME“ Müller ein absolutes Brett ab; die Gebrüder David & Benedict (d&b!) Müller, aka Sinful Siblings, aka Blackout Buben, aka phasebound bringen gesangslastigeres Bassgeschmetzel; Stoic Music Paranormalitätsjäger Jesse Paulk-Damiani aka Skulder & Mully steppt atmosphärisch durch die Küchenutensiliendimension; Dubstep-jünger Ryan „SKVLLFVCE“ Adams schmeißt uns in rhythmisch unerforschtes DnB Gebiet, und der hier bereits vorgestellte UMZUMZ Fanatiker Patryk, der heilige SAINT POPSY, gibt uns den froschigen Rest. (Lennart Hoffmann)
Release: 12.12.25
Label: FRAKTVRED
Katalognummer: 4066004917801
Wertung: 9/10
Children Of Our Stars – ”Would You Lie / Keep Me Safe”
Zu guter Letzt gibt es von mir noch mal eine Empfehlung, die ich zwar anderweitig schon mal ausgesprochen habe, hier aber noch schmerzlich vermisst wird: Children Of Our Stars! In den tiefsten Tiefen des bayrischen Südens, auch bekannt als München, planen Robin und Katja Becker nämlich nicht nur regelmäßig ihre nächste Reise zu mehr oder minder nah liegenden Raves (auf denen ich sie dann in der ersten Reihe rumspringen sehe), sondern sind auch selber zuhause viel am musikalisch rumbasteln. Robin hat so ziemlich alles schon mal gemacht: Games, Film, TV, sogar eine offizielle Children Of Our Stars Modelinie! Selbst diese vage formulierte und dadurch quasi alles umfassende Liste ist aber noch lange nicht alles, denn in Zusammenarbeit mit Katja hat er ja auch noch an Tanztheaterstücken wie „Dreamscapes“ und künstlicheren Auseinandersetzungen wie „Invisible Echoes“ gearbeitet, und sogar das minimalistisch-experimentelle Trio „Clockwork“ gegründet. Ach, und den Liquid DnB, den wir heute begutachten wollen, gibt’s seit 2020 ja auch noch! Obwohl, so genau stimmt das Label da jetzt auch nicht, denn der Doppeldecker Release auf Blu Saphir hier geht schon echt gut nach vorne. Aber eher so auf die 2010er Brookes Brothers, Danny Byrd, „Powerliquid“ Art und Weise, ihr wisst schon! Vor allem „Would you Lie“ glänzt mit seinen energischen Pianoeinlagen und inbrünstigen Vocalsampleeinlagen, aber die etwas ruhigeren, melodischeren Klänge auf „Keep Me Safe“ sind auch nicht ganz ohne! Wunderbare Musik, wie immer. (Lennart Hoffmann)
Release: 21.11.25
Label: Blu Saphir
Katalognummer: BLUS057
Wertung: 8.5/10
![Reviews [Januar 2026]](https://www.baesse.de/wp-content/uploads/2022/01/reviews-01-jan_blue-768x439.jpg)
